Themenreihe Handelsaktionen: Best Practice – Schreibbar Berlin

Mit Herzblut betreiben der Kaufmann Eyk Nölte und seine Ehefrau Susanne Stuhlmann die Schreibbar Berlin e. Kfm. Sie sind zur Anlaufstelle für Papier- und Schreibwarenliebhaber geworden und haben sich als Inspirationsquelle für kreative Menschen etabliert. Denn mit einem vielfältigen und niederschwelligen Workshop-Angebot beweisen sie jedem Kunden und Passanten aufs Neue: Jeder kann kreativ sein.

Herr Nölte, stellen Sie uns doch kurz die Schreibbar und ihr Sortiment vor. 

Eyk Nölte:  Wir sind ein Ladengeschäft im Spree-Center mit 230 m² Ladenfläche in Marzahn-Hellersdorf. Unsere Kunden finden bei uns Papeterie-, Schreibwaren sowie Geschenkartikel, Schulranzen, Bastel-, Mal- und Künstlerbedarf. Außerdem bieten wir auch einen Druckservice an. Bastelbücher haben wir im Geschäft, ansonsten sind Bücher über uns auch bestellbar. 

Wie sind Sie auf den Namen Schreibbar gekommen? 

Susanne Stuhlmann:  Der Name ist uns bei einer Flasche Wein auf dem Sofa zugeflogen. Wir lieben das Wortspiel von Schreiben und Bar und Beschreibbar. Wir wollten einen Standort mit Café-Bar zum Ausprobieren schaffen. Leider sind wir mit diesem innovativen Ladenkonzept auf so viele bürokratische Hürden gestoßen, dass uns die Berliner Behörden diese Symbiose schnell wieder ausgetrieben haben. 

Der Verkauf von Schreib- und Bastelbedarf ist schon lange kein Hoheitsgebiet des Schreib- und Bastelhandels mehr. Was setzen Sie Billigangeboten entgegen? 

Eyk Nölte: Man kann günstig oder gut kaufen. Dazu kann ich nur empfehlen Discounterangebote selber zu testen und mit den Produkten von Markenherstellern zu vergleichen. Das fängt beim Papier an. Dafür hilft mir natürlich meine Papierexpertise, die ich mir in meiner 20jährigen Tätigkeit als gelernter Drucker angeeignet habe.

Wie vermitteln Sie den Wert von Qualitätsprodukten an Ihre Kunden?

Eyk Nölte: Ich zeige Beispiele. Das überzeugt. Gute Markenpapiere kann ich in der passenden Laufrichtung so falten, dass der Falz nicht bricht. Das funktioniert bei Billigpapieren nicht. Doch wer bastelt, möchte ein bestmögliches Ergebnis erreichen und dann doch nicht am Papier sparen. 

Wie münzen Sie Geschäftsideen von Online-Shops in bare Münze für Ihr Ladengeschäft um? 

Susanne Stuhlmann: Nicht alle haben Zeit und Muße selber zu basteln. Es gibt Internetplattformen für Selbstgemachtes. Den Umsatz für selbstgemachte Dinge haben wir uns ins Geschäft geholt. Wir übernehmen Bastelaufträge von Kunden, seien es Karten, Geldgeschenke, Schultüten oder 15 Minuten Auszeit zum Verschenken.

Ein Ladengeschäft ist kein Logistikzentrum. Was machen Sie, wenn Kunden etwas wollen, was gerade nicht vorrätig ist? 

Susanne Stuhlmann: Kunden kommen oft mit ganz konkreten Produktwünschen an, die wir manchmal nicht erfüllen können. Ich frage dann immer erst: „Was wollen Sie genau machen?“  Fast immer kann ich dann Alternativen und Tipps zur Umsetzung dazu anbieten. Die meisten ziehen dann zufrieden und gut beraten mit den Ausweichprodukten aus dem Geschäft und kommen gerne wieder. Denn nichts finde ich schlimmer, als einen Kunden der geht, ohne gekauft zu haben.

Sie bieten auch Workshops an. Wie kommen Sie auf neue Ideen dafür? 

Susanne Stuhlmann: Auch hier gilt, nur dem Sprechenden kann geholfen werden. Ich rede mit Kunden, Künstlern, Kollegen, Vertretern oder Lieferanten, um auf neue Ideen für Workshops oder Aktionen zu kommen. Voraussetzung ist, dass wir stets unsere Augen und Ohren offen haben und uns trauen, mal etwas auszuprobieren. 

An welche Workshop-Premiere erinnern Sie sich gerne? 

Susanne Stuhlmann: Wir fragen uns immer wieder selber, „Was können wir zu Schreibwaren noch anbieten?“. Einmal waren wir ganz mutig und luden per Instagram und Facebook zu einer chinesischen Teezeremonie samt chinesischer Tuschemalerei ein. Ein China-begeisterter Kunde leitete die Teezeremonie an. Daran nahmen 18 Kinder teil, weil sie in der Schule gerade in einer Themenwoche China behandelten. Egal ob sie auf dem Papier dann Schriftzeichen oder Vögel mit Tusche und Pinsel entstehen ließen, jeder ging mit einem Erfolgserlebnis nach Hause – wir auch. Beim nächsten Mal hatten wir einen Vertreter eingeladen, der die Theorie zu Pinsel und Tusche einfließen ließ und beim dritten Mal haben wir die Chinesische Teezeremonie in Eigenregie durchgeführt.

Profitieren Sie auch von dem Workshop-Angebot?

Eyk Nölte: Die Workshops sind für uns der Aufhänger für Crossover-Angebote. Im Vorfeld und während der Bastelkurse bewerben wir die entsprechenden Bücher und das Bastelzubehör. Sollte es in den Workshops tatsächlich mal Leerlauf geben, nutzen wir die Zeit, die Bastelaufträge anzufertigen. Wie viele an einer Aktion teilnehmen, ist nicht entscheidend, sondern die langfristige Potenzierung. Als wir zum ersten Mal eine Ranzenparty veranstalteten, hatten wir im ersten Jahr 10 Interessierte, im nächsten Jahr schon 30 Teilnehmer.

Wie greifen Sie das Thema Schule, abgesehen von Schultütenbastelangeboten und Ranzenpartys, auf?

Susanne Stuhlmann: Wir wollen Erstschreiber gewinnen. Dafür haben wir eine eigene Schreibecke eingerichtet, in der Schüler sich ihren Füller selber aussuchen. Schließlich lieben die Füllfederhalter ganz unterschiedlich in der Hand. Sie merken, dass wir sie und ihr persönliches Schreibgefühl ernst nehmen. Damit bauen sie einen Bezug zu ihrem Füller auf. Meistens gehen sie damit dann auch viel sorgfältiger um. 

Was meinen Sie, schreckt Händler am meisten ab, Aktionen anzubieten? 

Susanne Stuhlmann: Keiner sollte sich von der Denkblockade: „Da kommt doch keiner“, bremsen lassen. Einfach anfangen und einen Basteltisch aufbauen. Sobald Kinder vorbeischauen, kommt die Eisbrecher Frage: „Darf ich mitmachen?“ Und schon sind sie mit ihren Eltern im Bastelfieber und sprühen vor Kreativität und Eifer. Und die zögerlichen Passanten ermutige ich mit meinem Mantra: 
„Jeder kann kreativ sein!“ 

Mit welchen Aktionen machen Sie noch auf sich aufmerksam? 

Susanne Stuhlmann: Im Radio hatte ich gehört, dass Tausende von Schulkindern in Deutschland ohne Schulranzen in die Schule gehen müssen, weil viele Familien dafür nicht genügend Geld haben. Wir riefen dazu auf, uns Kinder zu nennen, denen ein Schulanfang ohne Ranzen blüht. Zum Schulanfang im Herbst 2019 konnten wir fünf Kinder mit Ranzenspenden unserer Lieferanten und zwei Schultüten von  uns glücklich machen. So helfen wir hier im Bezirk, Freude zu verbreiten.

Mit welchem Anspruch machen Sie Werbung? 

Eyk Nölte: Wir wollen immer präsent und immer freundlich auftreten. Also bringen wir uns ins Gespräch. Dafür schalten wir ganz klassisch in der Berliner Abendzeitung eine kleine Dauerwerbung. Plakatwerbung machen wir nur mit maximal 20 Plakaten im Umkreis von 500 Metern. Facebook und Instagram bringen uns hingegen in Kontakt mit ganz anderen Zielgruppen. Das gilt besonders für Facebookgruppen unseres Stadtteils Marzahn-Hellersdorf. Wenn beispielsweise eine Unterschriftenaktion für einen neuen Standort der Stadtteilbibliothek gestartet wird, melden wir uns als Unterschriftensammelstelle.  

Was ist Ihr Tipp zu Handelsaktionen für andere Händler? 

Eyk Nölte: Ich kann nur empfehlen, das eigene Konzept immer wieder zu überdenken und mit kritischen Augen zu betrachten. Menschen und Kunden verändern sich. Und vor allem Zugezogene akzeptieren neue Konzepte oft leichter als die sesshafte Kundschaft. Auf alle Fälle gilt, neue Ideen einfach ausprobieren und selber machen. Man kann dabei nix falsch machen, nur dazu lernen.  

Frau Stuhlmann, Herr Nölte, wir danken Ihnen für das Gespräch. 

Handelstipp

 

Für Handelsaktionen gilt, einfach anfangen und einen Basteltisch aufbauen. Es geht nicht um die Teilnehmerzahl sondern um die Potenzierung und die Mundpropaganda. Selbst wenn keiner mitmacht schaffen Sie durch die Ankündigung einer Handelsaktion Content und Gesprächsanlässe.

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